Poesie der Alltagstragik

"Ohne Proben nach oben": Johann König füllt den "Culture Club"

Hanau. Für Christian Schmidt aus Wiesbaden ist es ein unvergesslicher Moment: Wie viele Fans aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet hat er den Weg nach Hanau auf sich genommen, um im "Culture Club" den Poeten der deutschen Comedy-Szene zu sehen. Wegen des großen Ansturms auf die Plätze im Saal hatte er sich mit einem eher unbequemen Platz hinter dem DJ-Pult zufrieden geben müssen. In Konfrontation mit einer schnell zündenden Stimmungsbombe war der widrige Umstand schnell unwichtig geworden. Als sein Idol nach der Vorstellung schließlich für einen Fototermin bereitstand, waren alle Strapazen vergessen. Die Spaßgesellschaft hat einen volksnahen König, und der heißt Johann.
Johann König hat Lethargie zum Kult erhoben. Lakonisch und provokativ nonchalant präsentierte er seinen Dauerbrenner "Ohne Proben nach oben" zum wiederholten Male im "Culture Club". Es ist die Stimme eines Revolutionärs, gefangen im Körper eines resignierten Alkoholkranken, so möchte man meinen, die Kleinkunstfans im ganzen Land in ihren Bann zieht. Der Wahlkölner König macht Unterhaltung für Intellektuelle, auch wenn es immer wieder gelingt, geistreiche Inhalte hinter abwesendem Gebrabbel zu verstecken, spitze Pointen in Nebensätzen unterzubringen und mit Understatement zu agieren.
Es sind Stilmittel von Allegorie, Gleichnissen und Fabeln, denen sich Johann König bedient. Er entfaltet Gesellschaftskritik an scheinbar trivialen Alltagsgeschichten, in der eine blinde Taube spricht oder Liebe an unbestechlicher Häßlichkeit scheitert. Alle Anekdoten sind zumeist so angelegt, dass der Zuschauer sie erst vor seinem geistigen Auge durchspielen muss, bevor er in haltloses Lachen ausbricht - dann umso heftiger.
"Ohne Proben nach oben" erwies sich auch in Hanau als Spiel mit Sprache auf höchstem Niveau. Das lag weniger am Anspruch des Programms, die Wahrheiten des Königs wenn möglich in Reimen unters Volk zu bringen, die das Regelwerk der klassischen Lyrik herrlich respektlos malträtieren. Vielmehr arbeitete der Künstler mit Redewendungen und Aphorismen, die er nur scheinbar in sinnentleerte Räume stellt. Es ist die gespielte Psychose, für die König bekannt geworden ist. Und obwohl er "richtig Bock auf Hanau" hat, ließ er sich seine Begeisterung für die Goldschiedestadt kaum anmerken. So feierten seine Fans jede minimalistische Geste, jede Gefühlsregungs des hervorragenden Comedians wie eine Offenbarung - und sei es nur das Heben des Wasserglases.
König verzichtet auf Genre-typische Proletenwitze. Wenn er sich einmal unterhalb der Gürtellinie bewegte, dann so kindlich naiv, dass Entsetzen sofort in Mitleid überging. Dafür bot er seinen Fans ein Protokoll seines trostlosen Aufenthaltes im Mozartkrankenhaus, das im unmittelbaren Stil von Joyces "stream of consciousness" verfasst, wieder auf den literarischen Anspruch der Veranstaltung verwies.
Beiträge zu Liebesfrust und -Lust, gesellschaftliche Stereotypen und zum Wesen des Künstlertums begeisterten. Auch die von Helmut Sanftenschneider an der Ukulele begleiteten Blödel-Chansons rissen das Publikum von ihren Sitzen: König sang von der DDR ("1989 war ein revolutionärer Schlag, es gab Bananen dafür und hundert Mark!") so politisch unkorrekt, dass es kaum möglich war, nicht wenigstens zu grinsen. Es brauchte rund 2,5 Stunden Bühnenzeit und drei Zugaben, bis der "Culture Club" König gehen ließ. Der hatte sich eigentlich schon in der Pause vom Acker machen wollen, wie er berichtete, "doch dann kam einer und sagte Vertrag ist Vertrag!"
Dass viele Zeitgenossen glaubten, Komiker seien in Wahrheit einsame, traurige Menschen, die auf der Bühne ihre Komplexe kompensierten, war sich der Star des Abends sicher. "In meinem Fall ist das noch viel schlimmer: Privat bin ich im Grunde überhaupt nicht zu gebrauchen!" Umso mehr freute sich König wohl über seine paarungswillige Fangemeinde aus Hanau: "Wenn es euch nicht gäbe, dann müsste ich richtig arbeiten."
Zufrieden verließ später auch Christian Schmidt den Club. Er schätze die geistreiche Pseudo-Psychose des Künstlers, wie er betonte. "Das war wirklich das Highlight des Monats", erklärt er. "Danke, Johann!"
Maryanto Fischer (HA/jp)

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